wie kann Pflege beides vereinen, um bestmöglich zu unterstützen und körperliche und kognitive Fähigkeiten Pflegebedürftiger zu stabilisieren?
Der demographische Wandel hat uns fest im Griff – Die Bevölkerung wird immer älter, während Ressourcen gleichzeitig knapper werden. In diesem Spannungsfeld gewinnen Prävention und Rehabilitation immer mehr an Bedeutung – zwei Seiten derselben Medaille, die Menschen helfen, gesund zu bleiben, Leid zu lindern und möglichst lange am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Wenn Prävention Krankheiten verhindert oder deren Schwere mindert, schafft Rehabilitation Chancen, verlorene Fähigkeiten wiederzugewinnen und neue Lebensqualität zu ermöglichen. Der Weg zu einer resilienteren Gesellschaft beginnt lange bevor Beschwerden auftreten und setzt sich fort, wenn Heilung nicht mehr im Vordergrund steht.
Prävention zielt auf den Schutz vor Krankheiten und die Förderung der Gesundheit ab, um Lebensqualität und Leistungsfähigkeit langfristig zu erhalten und ein gesundes Altern zu ermöglichen (vgl. auch Leitfaden Prävention, GKV, 2024). Dabei stehen vorbeugende Maßnahmen zur Förderung der Gesundheit im Vordergrund. Die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie Klimawandel, Veränderung der Altersstruktur, Verschiebung des Krankheitsgeschehen hin zu mehr chronisch-degenerativen Erkrankungen, erfordern einen zunehmenden Fokus auf die Entwicklung und Umsetzung wirksamer Handlungsstrategien und Interventionen, die den Erhalt der Gesundheit fördern, Handlungskompetenz und Gesundheitsbewusstsein stärken und langfristig den Weg zu einer gesünderen und resilienteren Gesellschaft ebnen. In Deutschland werden Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung in verschiedenen Bereichen durch die gesetzlichen Krankenkassen gefördert und deren Leistungen und Aufgaben im Leitfaden Prävention (GKV, 2024) zusammengefasst. Präventionsmaßnahmen sollen möglichst barrierearm und an die Lebenswelten der Menschen angepasst werden, um eine nachhaltige und effektive Integration präventiver Ansätze in unsere Gesellschaft zu ermöglichen. Prävention kann primär, durch Vorbeugung der Entstehung von Erkrankungen, sekundär durch frühzeitige und gezielte Erkennung von Risiken als auch tertiär zur Verhinderung von Folgeerkrankungen oder Verschlechterung einer bestehenden Erkrankung erfolgen.
In jedem Fall zielen präventive Maßnahmen immer auf den Erhalt von Gesundheit und die Verhinderung einer Verschlechterung ab. Gerade bei bestehenden Erkrankungen, Beschwerden oder Einschränkungen können geeignete Programme dazu beitragen die kognitiven und körperlichen Fähigkeiten zu stabilisieren und damit Selbstständigkeit, Lebensqualität und Wohlbefinden fördern.
Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege
Gerade im pflegerischen Kontext wird der Nutzen von Prävention und Gesundheitsförderung meines Erachtens noch immer unterschätzt. Neben einer Reduktion der Krankheitslast und Förderung von Selbstständigkeit können mit effektiven präventiven Maßnahmen langfristig auch Kostenreduktionen im Gesundheitswesen einhergehen. Zahlreiche Studien belegen, die positiven Effekte nachhaltiger Präventionsprogramme für unsere Gesundheit und die Entlastung der Gesundheitssysteme (vgl. z.B.: El-Khoury et al., 2015; Tricco et al., 2017, Duijvestijn et al., 2023, Coughlan et al., 2021). Leider liegt der Fokus meist schwerpunktmäßig auf rehabilitativen Maßnahmen, die sich vorwiegend auf bestehende Beschwerden der Betroffenen beziehen. Dies ist wichtig und gut, jedoch nicht ausreichend, um körperliche und kognitive Fähigkeiten bei bestehender Pflegebedürftigkeit zu erhalten. So sei zum Beispiel das Thema Sturzprophylaxe genannt: Bietet eine Pflegeeinrichtung regelmäßige körperliche Aktivitätsprogramme für die Bewohnenden der Einrichtung an (mind. 2x/Woche) so kann sich die Zahl an Stürzen, um mind. 1 Sturz pro Jahr (Senik et al, 2021) verringern. Dennoch werden in den meisten Pflegeeinrichtungen erfahrungsgemäß keine regelmäßigen und gezielten Bewegungsprogramme zur Sturzprävention angeboten, da personelle Strukturen, dies zeitlich meist nicht zulassen und der Fokus häufig nicht auf dem Einsatz gezielt geschulter Sporttherapeuten/Sportwissenschaftler liegt.
Präventive Maßnahmen sind auch bei Pflegebedürftigkeit und bestehenden Erkrankungen unverzichtbar
Dabei bieten präventive Maßnahmen eine Reihe von Vorteilen für Pflegebedürftige, Pflegende und Pflegeeinrichtungen. Durch den Erhalt von Fähigkeiten, wird der Pflegeaufwand nicht ständig größer, die externe Unterstützung durch geschulte Bewegungsexperten kann Pflegende und Pflegeeinrichtungen entlasten, die Selbstständigkeit der Betroffenen wird gestärkt und auch das Wohlbefinden kann sich verbessern. Ein durch Siel Bleu durchgeführtes europäisches Projekt zur Förderung von körperlicher Aktivität im Sektor der Langzeitpflege (Moov&Smile) konnte diese Aspekte sehr gut hervorheben. Sowohl die Einrichtungsleitungen, Mitarbeitenden und teilnehmenden Bewohner:innen waren hellauf begeistert von einem regelmäßig stattfindenden Bewegungsangebot, dass durch geschulte Übungsleitende mit sportwissenschaftlichen Hintergrund durchgeführt wurde. Dabei ist immer wieder der Vorteil der externen Anleitung hervorgehoben worden. Aus Sicht der Bewohnenden, bietet ein solches Angebot eine schöne Abwechslung und fördert Kontakte, während die Einrichtungsleitungen und Mitarbeitenden die Entlastung durch verbesserte Stimmung und der Möglichkeit die Zeit für andere Bewohnende zu nutzen, sahen. *
Neben Bewegungsangeboten durch externe Bewegungsexperten ist auch die Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeitenden zum Thema sehr bedeutsam, denn diese können die Aufrechterhaltung von Alltagsaktivitäten unterstützen, Zwischendurch kurze Aktivierungen durchführen oder auch eine zusätzliche Bewegungsgruppe anbieten. Laut WHO sollen sich Menschen ab 65+ mindestens 150min./Woche körperlich betätigen und zusätzlich Kraft, Beweglichkeit und Balancefähigkeiten schulen. Das ist eine ganze Menge. Gerade, dann wenn typische Alltagsaktivitäten durch den Umzug in eine Pflegeeinrichtung wegfallen und die aktuelle personelle Situation es meist nicht zulässt dies durch Gruppen- und Individualangebote vollends abzudecken.
Die Vorteile von Prävention, neben bestehenden rehabilitativen Maßnahmen, sind immens und können einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Wohlbefinden, Lebensqualität und Entlastung des Gesundheitssystems leisten. Dabei schafft Prävention gesunde Voraussetzungen, während Rehabilitation Teilhabe und Lebensqualität auch bei gesundheitlichen Einschränkungen ermöglicht.
Gemeinsam tragen sie dazu bei, dass eine alternde Gesellschaft nicht weniger, sondern besser leben kann.

*durch Feedbackfragebögen und qualitative Interviews im Rahmen des Moov&Smile-Projekts in den teilnehmenden Einrichtungen ermittelt.
Quellen:
- Duijvestijn M, de Wit GA, van Gils PF, Wendel-Vos GCW. Impact of physical activity on healthcare costs: a systematic review. BMC Health Serv Res. 2023 Jun 3;23(1):572. doi: 10.1186/s12913-023-09556-8.
- Coughlan D, Saint-Maurice PF, Carlson SA, Fulton J, Matthews CE. Leisure time physical activity throughout adulthood is associated with lower medicare costs: evidence from the linked NIH-AARP diet and health study cohort. BMJ Open Sport Exerc Med. 2021 Mar 5;7(1):e001038. doi: 10.1136/bmjsem-2021-001038.
- Muller, J-D; Ricard, J-M (2024). Für ein Europa mit mehr Prävention. Weißbuch des europäischen Projekts Moov&Smile, das von der Vereinigung Siel Bleu getragen wird. Straßbourg: Siel Bleu Association.
- Tricco AC, Thomas SM, Veroniki AA, et al. (2017). Comparisons of interventions for preventing falls in older adults: a systematic review and meta-analysis. JAMA, 318:1687-99.
- El-Khoury, F., Cassou, B., Latouche, A., Aegerter Ph., Charles, M.A., Dargent-Molina, P. (2015). Effectiveness of two year balance training programme on prevention of fall induced injuries in at risk women aged 75-85 living in community: Ossébo randomised controlled trial. BMJ.351:3830. doi:10.1136/bmj.h3830.
- Senik, C., Zappalà, G., Milcent, C. et al. (2021). Happier Elderly Residents. The Positive Impact of Physical Activity on Objective and Subjective Health Condition of Elderly People in Nursing Homes. Evidence from a Multi-Site Randomized Controlled Trial. Applied Research Quality Life 17, 1091–1111. DOI: 10.1007/s11482-021-09952-4.
- GKV-Spitzenverband (2024). Leitfaden Prävention. Handlungsfelder und Kriterien nach § 20 Abs. 2 SGB V zur Umsetzung der §§ 20, 20a und 20b SGB V.